Michael Stephan – Grüne Bilder im Paradies

Die grünen Bilder im Projekt Paradies – der innere Garten

Zu einem Gespräch über Bilder von Michael Stephan im Projektraum Dose, Hamburg am 14.5.2026. Die Bilder waren dabei Teil des RESTkollektiv-Projektes, „Paradies – der innere Garten“.


Wir sprachen über persönliche Vorstellungen von einem Paradies und dabei fiel der Begriff eines Versprechens. Einige dieser grünen Bilder, die hier im Paradiesprojekt gezeigt werden, waren im letzten Jahr in der Ausstellung „Das unendliche Versprechen einer Landschaft“ beteiligt. Titel und Thema der Ausstellung beruhten auf einer Initiative von Daniéle Orcier und Mathilde Papapietro. Beiden Künstlerinnen, Mutter und Tochter, ging es um die Inspiration und die Vision des Ortes, an dem sich ihre künstlerische Arbeit in Anbindung an die Landschaft und im Austausch mit eingeladenen KünstlerInnen entwickelt hatte und darum, welche Vorstellungen eines zukünftigen Zusammenlebens sich darin zeigen könnten. In diesem Rahmen entstand eine Text über die grünen Bilder, der in Teilen nun in das Gespräch innerer Bilder, eines inneren Gartens, eines Paradieses eingeht.


Das Versprechen der Reihe der grünen Bildern ist das einer Farbe, einer Beziehung, eines Raumes, einer Gegend, einer Landschaft. Eine Landschaft, die in sich selbst Vergangenheit als Geschichte des Werdens, den Augenblick der Gegenwart und das Versprechen einer Zukunft birgt.


Ein Bild ist in diesem Sinn immer und primär bestimmt vom Verhältnis zu einem Gegenüber, zu einer wahrnehmenden Person, zu einem Raum. Ein Bild spiegelt und reagiert auf das Gegenüber, auf den Raum, auf die Zeit, auf das erlebende Subjekt und das findet natürlich wechselseitig statt. Zweifellos verändert es sich mit der Zeit, – das Bild, das sich zeigt und das Bild, das über die Wahrnehmung entsteht. Manchmal langsam und unbemerkt, auch wenn das unangenehm ist. Nichts bleibt. Aber ein Bild reagiert immer im Augenblick. Ein Bild, das kommuniziert und das sich wandelt, weil es sich dem Risiko der Kommunikation, dem Risiko der Welt aussetzt. Und das Bild ist zwar zunächst ein Objekt im Raum. Aber es ist doch ein eigener Körper. Es hat Körperlichkeit.


Die grünen Bilder haben eine körperliche Membran wie die Haut eines Leibes. Eine Haut, die die transparente Grenze zwischen Innen und Außen markiert und gleichzeitig unsere Wahrnehmungen und Empfindungen wie eine Projektionsfläche transportiert. Das Bild ist also ein Objekt und gleichzeitig ein verletzlicher, vergänglicher subjektiver Körper. Diese Bilder haben immer etwas mit der lebenden Umgebung zu tun und thematisieren dies auch durch ihre Materialität. Sie treten von Anfang an in Beziehung zum Raum als einem Lebensraum, als Biotop. Das Bild entwickelt damit eine Geschichte, eine persönliche Geschichte des Körpers. Eine Geschichte, die sich nicht nur in die Vergangenheit seiner Herkunft und Entwicklung erstreckt, sondern mit ihrem Angebot der leiblichen Identifikation auch als Körper vom Jetzt in das Zukünftige reicht.


Zunächst war das natürlich etwas Abbildendes, was ich versucht habe. Ich versuchte anfangs ein grünes Bild herzustellen, indem ich auf der Leinwand den grünen Algen und Moosbewuchs einer Fassade wiederzugeben versuchte, also den Farbeindruck als Resonanz einer organischen Veränderbarkeit, eines organischen Verlaufs. Ich merkte dabei, dass sich der grünliche Eindruck auch auf die weiße Wand übertrug und die weiße Wand gleichzeitig die imaginäre Grenze bildete, die durchlässig wurde, so wie das Bild das Licht durchlässt und auf die Wand projiziert. Die gedachten oder erwarteten Grenzen sind aufgelöst.


Später kam Rasiercreme hinzu, die auf die Leinwand aufgebracht und weiter als verdünnter Zusatz im Malmittel Verwendung fand, wie ein homöopathisches Mittel, das man einnehmen kann. Wie ein Mittel das man sich einverleiben kann, um sich dadurch mit dem Anderen des eingenommen Mittels zu identifizieren, so dass der Leib, der Körper eine Projektionsfläche bildet, vielleicht sogar einem Spiegel ähnlich, der das Bild, den Leib des Bildes mit dem eigenen körperlichen Leib in Resonanz bringt.
Manche der Bilder haben auch doppelte Leinwände, eine nach vorne und eine nach hinten. Dazwischen entsteht ein Farbraum, der nicht sichtbar ist, nicht direkt angepeilt werden kann, aber stärker wirksam aus dem Verborgenen bleibt. Alle grünen Bilder heißen grüne Bilder, auch wenn sie andere Farben evozieren, auch wenn sie mit anderen Farben behandelt oder gemalt wurden. Die Materialität des Bildes ist wichtig. Ich fange eigentlich damit an, dass ich die rohe Leinwand mit einem ausgelierten Warmleim behandle, damit er nicht mehr so durchlässig ist und die Farbe nach hinten durchdringt, dass die Farbe sich nicht zwischen den Gewebeporen hindurchdrängt, hineindrängt, sondern dazwischen respektvoll zum Halten kommt, aber gleichzeitig durchlässig bleibt, weil Warmleim ja transparent ist und getrocknet transparent bleibt.


Warmleim ist ein Material, das aus tierischer Haut oder Knochen hergestellt wird, zum Beispiel vom Hasen. Warmleim ist ein reaktives Material, das auf Luffeuchtigkeit und Körperwärme reagiert. Als Vegetarier habe ich lange damit gehadert, Haut- und Knochenleim als Malmaterial zu verwenden. Aber es ist etwas sehr Irdisches, was sehr körperlich ist, was sehr, ja, brutal ist, wenn man darüber nachdenkt. Diese Haut des Bildes und diese Haut, meine Haut ist transparent und ich habe zur Verstärkung dieses Aspekts dann Rasiercreme verwendet. Rasiercreme ist ja ein Pflegemittel und assoziiert im Grunde auch einen Aspekt der Lebensfreude. Rasiercreme hat somit Ähnlichkeiten mit und schafft Beziehungen zu Körner- und Hautleim, und natürlich dann auch zu Schneckenschleim, der ja auch in der Kosmetik verwendet wird und hier als glitzernde Lebensspur, als Slug Slime Painting auftritt.
Schnecken als Population haben wir als RESTkollektiv in einer Ausstellung mit der Bezeichnung Limited Liberty dann auch genauer und weiter als Modell einer nachhaltigen, resilienten Überlebensweise auf dem Planeten Erde thematisiert. Wie kann ich mich zu einer schneckenhaften Körperlichkeit entwickeln?


Von der Identifikationsmöglichkeit des eigenen Körpers mit einer visualisierten Transparenz und unscharfen Existenzweise bin ich dann hier im Projekt des inneren Gartens zum Thema Paradies gekommen. Paradies ist ungewiss, ist durchaus als Mythos eine klare Erzählung, eine Vorstellung, über die man sich auch streitet. Wer kommt rein ins Paradies? Wer fällt raus als Körper, als beseelter Körper, als geistiger Körper? Und ist das nicht auch so etwas wie ein Versprechen, eine Sehnsucht, zurückzukehren oder etwas wiederzufinden, das sich konkretisiert in der Erscheinung vielleicht eines grünen Bildes? So wäre diese Art von Malerei eine Untersuchung von Paradies, von Glück und Leid? Ist diese Form der Malerei etwas, das wie eine Möglichkeit erscheint, einen neuen körperlich-gesellschaftlich-politischen Raum zu öffnen oder einen bestehenden und vergangenen zu reflektieren? Bleibt es bei einem unverbindlichen Eindruck, einer Landschaft, die an uns vorbeigezogen ist; ein Paradies, das wir verlassen haben und das verschwunden bleibt? Welche Rolle spielt das Angesprochene, das Ungewisse, das, was an der Schwelle zu Ahnung, zur Erkenntnis erscheint? Macht solch ein Bild ein Versprechen deutlich? Ein vages Versprechen oder das Versprechen seiner unbemerkten Wirksamkeit?

Siehe auch den Text: https://restkunst.net/zu-den-gruenen-bildern/