Brigitte Raabe – Ton-Ton-Paradies

Brigitte Raabe – Ton-Ton-Paradies 


Ja, das ist immer wieder verblüffend, wie gut sich diese feste, feuchte und dichte Masse mit so einem Draht teilen lässt. Und welche schönen Formen dabei an den Flächen entstehen, die dann auseinandergehen.
Das ist einfach immer ein guter Anfang. Jetzt habe ich hier ein Stück Ton zwischen meinen Händen. Er ist schön weich und bietet Widerstand, aber nicht zu viel, sodass sehr schnell eine Art Grundform entsteht – und zwar immer aus einem Stück. Das ist wichtig. Aus einem Stück wird dann grob eine Form.
Mit dem Daumen drücke ich vor allem in diese Masse hinein. Die Daumen hinterlassen dabei natürlich auch auf der Oberfläche eine Struktur.
So, jetzt habe ich hier so etwas wie zwei Arme und kann den Körper ein wenig verlängern. Die Arme sind natürlich noch dicke Stummel – und sie sollen auch gar nicht zu dünn und spillig werden. Das passt einfach nicht zu Ton.
Ich füge noch einmal ein kleines Stück hinzu. Es ist wieder weich, ein bisschen kühl, nimmt aber durch die Wärme der Hände sofort deren Temperatur an. Jetzt sieht man schon, dass Beine entstehen – eher Stummelbeine sozusagen.
Die Figur bekommt dadurch ganz automatisch etwas Menschliches: einen Leib, von dem im Moment fast wie Äste die Gliedmaßen abgehen, allerdings in einer bestimmten symmetrischen Anordnung. Aus dieser Mitte wächst ein dicker Ast heraus, der Körper, der Leib.
Und dann kommt natürlich das fünfte Ende. Man sagt ja immer, der Mensch habe fünf Enden – ich weiß gar nicht, ob das wirklich stimmt –, aber gemeint sind der Kopf, die Arme und die Beine. Dieses fünfte Ende ist natürlich ganz anders als die anderen, weil es sozusagen das „Head of“ ist: die konzentrierte, harte Nuss, die nicht mehr für Greifen, Begreifen oder Fortbewegung zuständig ist, sondern die Steuerzentrale von allem bildet.
Für uns ist immer wichtig, wie ein Gesicht aussieht, welcher Ausdruck darin liegt. Ich mache da allerdings gar nicht viel. Die ganze Figur ist vielleicht fünfzehn Zentimeter groß, mehr nicht. Proportional sind die Arme und Beine viel dicker.
Dem Kopf kann ich schon dadurch Ausdruck verleihen, dass ich mit beiden Daumen rechts und links in der oberen Hälfte leichte Vertiefungen eindrücke. Dann entsteht bereits eine Stelle, an der Augen sein könnten. Mehr mache ich gar nicht.
Das soll ja nur ein Modell sein – das Modell für ein mögliches Wesen, das vielleicht in meinem Paradies, stellvertretend, erschaffen wird.
Das Paradies wurde ja, zumindest in den Geschichten, die wir darüber kennen, von Wesen bevölkert, die eigens dafür aus Ton geschaffen wurden. Und zuerst musste man natürlich schauen, ob sie gut waren. „Gut“ ist überhaupt ein interessantes Wort. Was ist schon gut, was ist böse? Und gehört das Böse nicht vielleicht auch zum Guten?
Jetzt habe ich hier den einen Fuß schon etwas ausgearbeitet, das Bein ist angewinkelt. Die Füße macht man meistens zu klein. Ich mache diesen hier etwas dicker, damit die Figur auch wirklich Halt hat. Denn ein Wesen, das nicht stehen kann, wäre wohl auch für das Paradies nicht besonders geeignet. Es muss ja laufen können – oder soll es etwa gar nicht laufen? Soll es schön im Paradies bleiben und nicht abhauen?
So, jetzt ist auch das zweite Bein da. Die Haltung wirkt eigentlich ganz entspannt, sitzend – wie Yoko Ono sagen würde – „auf dem Button“, auf dem Grund. Der zweite Fuß ist jetzt auch dran. Das reicht mir erst einmal für den unteren Teil.
Und was machen die Arme? Im Moment sieht es so aus, als wollten sie mit ihren riesigen, dicken Stummeln – die ich jetzt noch etwas verlängere – die ganze Welt umfassen.
Die Frage ist nun: Ist meine Figur im Paradies eher eine Arbeiterin oder bekommt sie einen Managerposten? Was darf sie sein, was darf sie nicht sein? Eigentlich fände ich es gut, das gar nicht selbst entscheiden zu müssen. Aber wer Figuren erschafft oder kreiert, muss sich natürlich auch der Verantwortung bewusst sein für das, was er da tut. Was für ein Geschöpf erfinde ich da eigentlich?
Die Figur ist weich formbar, ich forme sie in meinen Händen, und ich bin mir gar nicht sicher, ob sie überhaupt fürs Paradies geeignet ist. Vielleicht ist es aber viel besser, wenn daraus ein Wesen entsteht, das selbstständig und widerständig ist – und trotzdem die Fähigkeit besitzt, über seine innere Zentrale mitmenschlich zu sein, anstatt kompromisslos nur sein eigenes Ding durchzuziehen, wie es heute oft üblich ist.


Ja, eigentlich ist sie jetzt fertig. Ich würde sagen … sie ist nicht ganz gelungen. Mal sehen, ob sie ins Paradies kommt.